18.05.2018, 06:00 · Aktualisiert: 18.05.2018, 13:40

Und sie aufbrechen.

Einen glaubhaften, weiblichen Charakter zu Papier bringen? Das fällt vielen männlichen Autoren schwer. Das zeigte sich, als in den vergangenen Wochen Twitter-User und Userinnen über die typischen Klischees lustig gemacht haben, die Romanheldinnen häufig über sich ergehen lassen müssen.

Sei es, dass die Frau erst gar nicht vorkommt, oder als reines Sexobjekt dargestellt wird. Viele Leser und Leserinnen gewöhnen sich auf diese Weise früh daran, die männliche Perspektive selbstverständlich zu finden. Denn noch immer dominieren Männer den Literaturbetrieb. Eine 2016 durchgeführte Studie fand heraus: Nur ein Drittel der von Kritikern besprochenen Romane stammen von Frauen. (The Guardian)

Aber: Die Zeiten ändern sich. Die Literatur wird weiblicher. Wir haben drei junge Autorinnen gefragt: Wie versucht ihr, diese Klischees aufzubrechen? Wie entstehen eure weiblichen und männlichen Charaktere? Welche Rolle spielt Gender für euch beim Schreiben?

Lisa Weinberger, schreibt Fantasy-Prosa

Lisa schreibt Prosatexte im Fantasy-Genre, ein erstes Buch ist dabei bereits entstanden. Außerdem organisiert sie die offene Literatur-Lesung "Handverlesen" in Tübingen mit. Sie studiert Germanistik im Bachelor mit dem Schwerpunkt Mittelalter. 

"Stephen King hat in seiner Biographie gesagt, dass er Figuren so darstellt, dass sie ihn selbst überraschen könnten. So in etwa versuche ich das auch: Jede Figur soll ein Eigenleben entwickeln. Egal ob Frau oder Mann, sie sollten Individuen sein. Natürlich laufe ich manchmal Gefahr, in Stereotype oder Wunschdenken zu verfallen. Gerade, wenn ich mich in das andere Geschlecht denken will. Das passiert.

Jede Figur soll ein Eigenleben entwickeln.
Lisa Weinberger

Trotzdem: Je mehr Freiheit man seinen Charakteren gibt, desto mehr Möglichkeit haben sie, Klischees zu brechen. Würde ich zum Beispiel einen homosexuellen Mann schreiben, könnte diese Eigenschaft einen ganzen Charakter auffüllen. Er könnte ein Klischee sein. Aber eine Figur mit wirklichem Eigenleben würde dem Leser zeigen, dass Menschen komplexer als ihre Schubladen sind.

Im Fantasy-Setting, in dem ich schreibe, ist es ein bisschen schwieriger. Gerade in einer mittelalterlich orientierten Welt würde man davon ausgehen, dass Frauen immer noch einen eher schlechten Stand haben. Deshalb muss ich sie stark und unabhängig zeichnen, wenn ich will, dass sie etwas in der Welt bewirken können. Einmal schrieb ich über eine Steampunk-Herrscherin, sie war grausam und skrupellos. Aber sie hat ihr Ding gemacht - und so viele männliche und weibliche Eigenschaften vereint.

Das ist das Schöne an Fantasy: Es gibt kaum Regeln. Also können auch Männer und Frauen sein, wie ich sie gestalten will.

Özlem Özgür Dündar, schreibt Lyrik und Theater

Özlem veröffentlicht vor allem Lyrik und Drama über unterschiedliche Literaturzeitschriften, übersetzt aber auch lyrische Texte aus dem Türkischen ins Deutsche. Derzeit studiert sie am deutschen Literaturinstitut in Leipzig, zuvor schloss sie einen Magister in Literatur und Philosophie ab. 

Ich versuche, mit dem Schreiben Denkmuster aufzubrechen. Ich habe zum Beispiel einen Text aus der Sicht eines Jungen mit türkischem Migrationshintergrund geschrieben. So entsteht eine andere Geschichte, als meine deutsche Perspektive es vermuten lassen würde – oder die männliche.

Ich finde, genau das ist für männliche Autoren wichtig: Sie sollten sich häufiger trauen, die Perspektive zu wechseln. Frauen sind gar nicht so anders als Männer. Trotzdem passiert es oft, dass Weiblichkeit ein entscheidender Faktor ist, um einen Charakter zu spinnen. Das ist zum Beispiel in der Serie "Game Of Thrones" so: Manche Frauen sind hysterisch, manche total über ihre Rolle als Mutter definiert, wieder andere das genaue Gegenteil einer klassischen Frau. Aber kaum eine Figur kommt als Individuum ohne weibliche Klischees als Bezugspunkt aus."

Männer sollten sich häufiger trauen, die Perspektive zu wechseln.
Özlem Özgül Dündar

"Als wären die Realitäten von Männern und Frauen so grundsätzlich unterschiedlich, dass ein Mann sich gar nicht vorstellen kann, was im Kopf einer Frau vor sich geht und deshalb uralte Klischees heranziehen muss.

Deshalb versuche ich, weniger erwartbare Charaktere zu erschaffen. Ich habe beispielsweise eine Geschichte über eine Gruppe von Mädchen geschrieben, die so etwas wie eine Gang bildeten. Dabei kam ein ganz unkonventionelles, eigenwilliges Mädchensein heraus. Ich wollte aufwerfen, was in einem Zusammenschluss von Frauen passieren kann. Natürlich kann ich die Charaktere nicht ganz von ihrem Geschlecht lösen, aber am Ende steht jede von ihnen als Mensch für sich. Das ist wichtig."

Anika Kaiser, schreibt Kurzgeschichten

Anika ist Gründerin und Autorin des Kurzgeschichtenportals vollbarthes.com. Die an den berühmten Literaturkritiker Roland Barthes angelehnte Seite hat sich darauf spezialisiert, in Alltagsbeobachtungen einen besonderen Moment zu finden und veröffentlicht wöchentlich einen neuen Text.

"Ich schätze, die meisten meiner Protagonisten sind männlich. Ich glaube, mir als Frau fällt es leichter, Männlichkeit darzustellen. Es ist ja normal, dass man durch einen Text Einblick in männliche Protagonisten bekommt. Dass man die gleichen Einblicke in eine Frau bekommt, ist immer noch seltener. Deswegen kann ich mir vorstellen, dass Männer sich mit einem Wechsel der Perspektive schwerer tun. Sie reflektieren zum Beispiel selbst nicht so genau, wie sie wollen, dass Frauen sie wahrnehmen. Und dann gestalten sie weibliche Charaktere eher unbeholfen: zum Beispiel als reines Sexobjekt.

Ich glaube, mir als Frau fällt es leichter, Männlichkeit darzustellen.
Anika Kaiser

Oft lege ich beim Schreiben einfach los. Ich überlege nicht, ob es Mann oder Frau ist, ich hantiere erst einmal mit Gedanken und Situationen. Zum Beispiel, wie es für einen Charakter ist, dass der Körper von Fremden ungefragt kommentiert wird: Das wäre für mich ein eher weiblicher Gedanke. Obwohl das freilich auch Männer denken können.

Ein anderes Beispiel wäre die Situation, dass die Figur auf der Straße angepöbelt wird und sich intuitiv fragt, wie viele Freunde sie jetzt für eine Schlägerei mobilisieren könnte. Könnte natürlich auch eine Frau denken, würde mir aber erst einmal männlich vorkommen.

Dementsprechend wird es dann am Ende erst bewusst ein Mann oder eine Frau. Für mich ist entscheidend, dass der Protagonist nicht von vorneherein festgeschrieben ist. So kann man alles umdrehen – und eine völlig neue Geschichte würde entstehen."


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