Bild: Carsten Schertzer

Art

Carsten war obdachlos – jetzt fotografiert er teure Hochzeiten und reist um die Welt

07.02.2018, 17:56

Hochzeiten – das sind Bräute in aufwendigen Kleidern, Bräutigame in maßgeschneiderten Anzügen, Paare, die durch blumengeschmückte Ballsäle tanzen, dazu Gäste Champagner.

Events wie diese sind der Arbeitsplatz von Carsten Schertzer, 24, aus Los Angeles. Er fotografiert teure Hochzeiten, umgibt sich mit den Reichen – dabei lebte er vor einigen Jahren selbst noch auf der Straße. Mit 16 verließ er sein Zuhause, schlief in Parks oder bei Freunden und träumte davon, sein Geld mit Skateboarding-Fotos zu verdienen. Mit 18 entschied er sich dann, es als Hochzeitsfotograf zu versuchen.

Inzwischen kann er von der Fotografie leben, hat sein eigenes Studio, gewinnt Auszeichnungen und reist für Shootings nach Hong Kong oder Prag.

Im Interview erzählt Carsten Schertzer, wie er es geschafft hat, sich hochzuarbeiten. Und warum er sich manchmal doch noch danach sehnt, nachts über Zäune zu klettern.

Wusstest du schon immer, dass du Fotograf werden willst?

Seit ich zehn Jahre alt war, wollte ich Skate-Fotos machen. Ich bin aus dem Süden Kaliforniens, Skaten ist hier eine große Sache. Ich fuhr auch Skateboard – aber sobald ich anfing, Skate-Magazine zu lesen, wurde mir klar, dass ich die Fotos mehr liebte als das Boarden selbst.

Also kaufte ich mir eine Spiegelreflexkamera und ein paar Blitzaufsätze – die billigste Ausführung, die es gab. Zur selben Zeit wurde mein Leben zu Hause immer schwieriger.

Was war los?

Meine Mutter war lange drogenabhängig, auch mein Vater nahm viele Drogen. Sie lebtevon staatlichen Beihilfen, er hatte seit 30 Jahren keinen festen Job mehr gehabt. Die Beziehung zu meiner Mutter war nie besonders gut. Sie hat schwere psychische Probleme, regelmäßige Nervenzusammenbrüche und psychotische Episoden. Zu meinem Vater habe ich bis heute keinen Kontakt.

Damals habe ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Es kostete einfach so viel Energie, sich damit jeden Tag auseinanderzusetzen.

Also bist du weggelaufen?

Das musste ich gar nicht. Ich habe eines Tages einfach meine Kamera eingepackt, ein paar Klamotten, mein Skateboard, und habe gesagt, dass ich gehe.

Von da an habe ich manchmal in Parks geschlafen, meistens aber bei Freunden. Ich hatte zum Glück einen großen Freundeskreis. Ich schlief eine Nacht oder zwei bei jemandem, dann zog ich weiter.

(Bild: Carsten Schertzer)

Wovon hast du während dieser Zeit gelebt?

Ein Einkommen hatte ich nicht. Aber zum Glück auch keine Rechnungen, die ich bezahlen musste. Klar, Essen war ein Thema – aber relativ leicht zu beschaffen.

Ich habe oft Rechnungsbelege aus den Mülleimern vor Fast Food-Restaurants gefischt. Auf den Rückseiten der Belege waren Links zu Umfragen, die die Kunden online ausfüllen sollten. Als Belohnung hat man dann Essensgutscheine bekommen. Ich sammelte 30 oder 40 dieser Zettel auf einmal, füllte die Umfragen am Computer eines Freundes aus – und hatte für eine ganze Weile was zu essen.

Manchmal erledigte ich auch kleine Aufgaben für die Eltern von Freunden. Die meisten Menschen mochten mich, und so verdiente ich mir was dazu – nicht viel, 20 Dollar hier und da.

Wie lief es mit der Skate-Fotografie?

Damit verdiente ich kaum Geld. Einerseits, weil mir die richtige Ausstattung fehlte. Aber auch, weil ich einfach nicht die richtigen Fähigkeiten und Möglichkeiten hatte.

Irgendwann habe ich mir dann einen Job gesucht, bei dem ich Sandsäcke für Baustellen herstellen musste. Furchtbar anstrengend. Aber ich verdiente rund 100 Dollar am Tag, so dass ich mir irgendwann eine bessere Kamera und ein paar Objektive leisten konnte.

Ich habe dann ein paar Fotos an Skate-Magazine geschickt – ein oder zwei wurden auch veröffentlicht. Geld habe ich dafür aber nie gesehen.

Und wie kamst du dann darauf, Hochzeitsfotograf zu werden?

Ich hatte es einfach satt, arm zu sein.

Vielleicht klingt das furchtbar, aber es war tatsächlich mein ursprünglicher Grund. Doch dann fotografierte ich meine erste Hochzeit – und fand es fantastisch. Es war dasselbe, wie Skateboarding zu fotografieren – du willst eine Geschichte erzählen, und du willst sie so kreativ wie möglich erzählen. Also beschloss ich mit 18 Jahren, mich als Hochzeitsfotograf selbstständig zu machen.

Das sind einige der Hochzeiten, die Carsten fotografiert hat:

Carsten Schertzer
Carsten Schertzer
Carsten Schertzer
Carsten Schertzer
Carsten Schertzer
Carsten Schertzer
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Die Schule hattest du abgebrochen – hast du danach noch irgendeine Ausbildung gemacht?

Nein. Alles, was ich wusste, wusste ich aus Tutorials auf YouTube. Und aus einem Buch, das ich mit elf Jahren in der Schulbücherei gefunden habe: "Fotografie für Anfänger". Das habe ich ausgeliehen und niemals zurückgegeben. Es liegt bis heute auf meinem Schreibtisch.

Als ich die Entscheidung getroffen hatte, Hochzeitsfotograf zu werden, schrieb ich eine Liste von Dingen, von denen ich dachte, dass ich sie brauchen könnte. Ein bisschen Marketing, Suchmaschinenoptimierung, Betriebswirtschaft oder wie man Paare am besten in Szene setzt. Daraus erstellte ich eine Pyramide, mit den leichtesten Dingen am Boden und den schwierigen an der Spitze. Da habe ich mich dann von unten nach oben durchgearbeitet. Nach etwa einem Jahr war ich so weit, dass ich von der Fotografie leben konnte.

(Bild: Carsten Schertzer)

Wie geht es dir heute?

Ich liebe es, Hochzeiten zu fotografieren – das ist einer der besten Jobs überhaupt. Ich verbringe meine Tage in vornehmen Locations, esse Hors D’Oeuvres und tanze. Besser geht es nicht. Neben der Fotografie ist das Reisen meine große Leidenschaft. Mein Job ermöglicht mir, das beides zu verbinden, und das macht mich unfassbar froh.

Inzwischen habe ich auch eine Wohnung und eine Ehefrau – in ein paar Jahren wollen wir uns vielleicht sogar etwas Eigenes kaufen.

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Also bist du rundum glücklich?

Ich bin glücklich, wo ich bin. Manchmal fehlt mir die Skate-Welt trotzdem. Es hat einfach was, mitten in der Nacht über einen Zaun zu klettern, um auf einem Schulhof Skate-Fotos zu machen.

Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich damals von der Polizei abgeführt wurde, weil ich irgendwo fotografiert habe. Es klingt vielleicht komisch, aber für mich wird das immer etwas sein, an das ich mich gerne zurück erinnere.

Mehr von Carstens Arbeit kannst du auf Instagram sehen, oder seiner Website.


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