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  3. Flüchtlinge fotografieren ihre Flucht mit einer Einwegkamera für ​Kevin Mc Elvaney

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Fotoprojekt: Wenn Menschen mit Einwegkameras ihre Flucht dokumentieren

21.03.2016, 00:44 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Entstanden sind Bilder, so nah dran, so ehrlich, wie sie kaum ein Profi-Fotograf machen könnte.

Menschen, die ihr Hab und Gut in kleinen Reisetaschen bei sich tragen. Menschen, die an Grenzzäunen darum kämpfen, durchgelassen zu werden. Menschen, die in Lesbos mit ihren Booten stranden. Die Bilder über die Flüchtlingskrise begegnen uns täglich in den Nachrichten. Sie zeigen, wie professionelle Fotografen sie wahrnehmen. Ein Hamburger Fotograf veranschaulicht nun, wie Flüchtlinge ihren Weg nach Europa sehen.

Sie dokumentieren ihre Reise dabei mit einer Einwegkamera – so nah dran, so ehrlich, wie es kaum ein Profi-Fotograf könnte. Sie zeigen, wie es ist, mitten auf einem überfüllten Plastikboot zu stehen. Wie der kleine Sohn das Zimmer in der neuen Flüchtlingsunterkunft entdeckt. Oder wie Menschen am Boden hocken und warten – warten auf den Beginn eines neuen Lebens.

Der Fotograf Kevin Mc Elvaney hatte die Idee zu dem Projekt und flog dafür ins türkische Izmir: Dort verteilte er die Kameras an Flüchtlinge. Anschließend reiste er den gleichen Weg wie sie.

Fotostrecke: Die Bilder der Flüchtlinge

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Kevin, wie kamst du auf die Idee?

Ich habe in Hamburg bei einem Kochevent mit Geflüchteten geholfen. Dort erzählte mir eine Gruppe junger Männer von ihrer Flucht durch die serbischen Wälder und wie ihnen ein Wolfsrudel sehr nah kam. Sie haben mir mit ihrer Geschichte krasse Bilder in den Kopf gesetzt.

Ich fragte sie nach Fotos auf ihrem Handy, doch für mich überraschend, gab es dort zu 90 Prozent nur Selfies zu sehen. Das Handy war für sie vor allem ein Kommunikations- und Navigationstool. Sie haben es immer nur kurz an, um den Akku zu sparen und ihren Weg zu kontrollieren. Mit einer Einwegkamera wäre das sicherlich anders, dachte ich mir.

Der Fotograf ​Kevin Mc Elvaney

Kevin Mc Elvaney begann während seines BWL-Studiums zu fotografieren – vor allem auf Sportevents und Konzerten. Er entschied sich gegen einen Master und machte sich mit der Fotografie selbständig. Heute mag der Fotograf besonders Porträtfotos und aufwendige Reportagen. Medien wie der Guardian, Al Jazeera und das ZDF berichteten über seine Dokumentation des Ortes Agbogbloshie in Ghana – die wohl größte Müllkippe der Welt für elektronischen Schrott, der von Kindern und Jugendlichen zerlegt und verbrannt wird. Kevin Mc Elvaney ist 28 und lebt in Hamburg. Hier geht es zu seinerHomepage und Facebook-Seite.

Kevin im Camp Moria auf Lesbos

Kevin im Camp Moria auf Lesbos (Bild: Firas/ Refugee Cameras Project)

Was willst du mit den Bildern zeigen?

Die Bilder sind viel ehrlicher, wenn ein Betroffener sie selbst schießt. Das könnte ein professioneller Fotograf niemals so zeigen. Ich würde auch behaupten, dass sich Polizisten und Behörden ganz anders verhalten, wenn neben den Flüchtlingen ein europäischer Fotograf steht.

Wie hast du das Projekt dann umgesetzt?

Ich bin nach Izmir gereist, die türkische Stadt ist ja der Sammelpunkt vor der Überfahrt nach Griechenland. Es ist ein ganz komischer Anblick. Die Straßen sind völlig orange. Schuhgeschäfte verkaufen jetzt nur noch Rettungswesten. Auf öffentlichen Plätzen trinken Schmuggler ihren Kaffee, dann versammeln sich Menschen um sie herum. Es ist ein offener Handel.

In Izmir habe ich in einem Hostel geschlafen. Ein syrisches Pärchen dort hat mir eine Art Anleitung zu meinem Vorhaben übersetzt. In der Stadt habe ich mich vor allem in der Nähe der Geschäfte aufgehalten. Wenn jemand eine Weste oder wasserdichte Cases kaufte, war die Chance ja sehr groß, dass es sich um einen Flüchtling handelte.

Ich habe schnell gemerkt, dass viele nicht gut Englisch sprechen, deshalb war die Anleitung sehr hilfreich. Außerdem haben wir uns viel über google translate unterhalten. Mir war es wichtig, mindestens eine Stunde mit den Menschen zu verbringen. Ich wollte nicht einfach nur die Kamera abgeben. Sie sollten wissen, dass mir ihre Geschichte am Herzen liegt.

Haben Menschen auf der Flucht nicht Besseres zu tun, als zu fotografieren?

Ja, das war mir bewusst. Eine Frau und auch ein Familienvater haben es direkt abgelehnt. Die anderen waren aber sehr angetan von meiner Idee. Und zu dem Zeitpunkt als ich dort war, im Dezember, war die Reise auch schon sehr durchorganisiert und weniger beschwerlich als noch Monate zuvor. Klar, die Überfahrt nach Lesbos auf Schlauchbooten ist gefährlich.

Sobald du dort ankommst, kommst du zu den Camps, wirst registriert, fährst mit dem Bus zur Fähre, musst dein Ticket und deinen Pass zeigen, dann bist du in Athen, dort stehen schon die Busse, dann setzt du dich rein und kommst schließlich nach Idomeni an die mazedonische Grenze.

Wie sind die Kameras zu dir zurückgekommen?

Insgesamt habe ich 15 Kameras verteilt, in wasserdichten Hüllen und mit einem vorfrankiertem und reißfestem Umschlag. Auf allem stand meine Hamburger Adresse. Außerdem haben wir Handynummern ausgetauscht oder uns bei Facebook geschrieben. Mit den meisten war ich die ganze Zeit in Kontakt. Einige Kameras sind aber nicht zurückgekommen. Der Kontakt zu einer jungen Frau mit Kind aus Afghanistan ist abgebrochen, zwei Jungs wurden von der türkischen Küstenwache erwischt und sitzen bis heute in der Türkei fest, zwei Kameras wurden von der Polizei einkassiert.

Was denkst du, wenn du dir die Bilder jetzt anschaust?

Ich finde die Bilder sehr bewegend und sie haben einen ästhetischen Charme. Das liegt natürlich an den etwas unklaren Bildern der Einmalkamera. Aber umso weniger du auf den ersten Blick erkennst, umso mehr beschäftigst du dich mit den Details. Außerdem ist es für den Betrachter interessant, sich zu fragen, warum bestimmte Momente fotografiert wurden. Es ist schön zu sehen, dass die Flüchtlinge dieses Projekt ernst genommen haben und ihre Erlebnisse teilen wollten.

Alle Bilder der Flüchtlinge werden vom 1. bis zum 3. April in Hamburg in einer Ausstellung zu sehen sein. Mehr Informationen dazu findet ihr hier.

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