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  3. Flüchtlinge auf Lesbos: Zwei Design-Studentinnen helfen mit Taschen

Bild: It Works

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Mit dieser einfachen Idee helfen Design-Studentinnen Flüchtlingen auf Lesbos

17.03.2016, 10:28 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

Aus Lesbos stapeln sich meterhoch Schwimmwesten und Schlauchboote. Wegschmeißen? Viel zu schade.

Nirgendwo in Europa wird das Ausmaß der Flüchtlingstragödie so deutlich wie an den Stränden von Lesbos. Kilometerlang säumen die Überbleibsel zurückgelassener Schlauchboote die Nordküste der Insel. Meterhoch stapeln sich orangefarbene Schwimmwesten der Flüchtlinge an den Stränden.

Die beiden holländischen Design-Studentinnen Floor Nagler, 25, und Didi Aaslund, 27, kennen diesen Anblick. Und kamen auf eine Idee: Aus Schwimmwesten und Gummibooten machen die beiden jetzt Taschen für Flüchtlinge.

(Bild: It Works)

Doch Didi und Floor geht es mit ihrem Projekt nicht nur um die Taschen. Beide sehen ihren Workshop auch als eine Art interkulturelle Beschäftigungstherapie. Wir haben die Studentinnen in Athen getroffen und mit ihnen über ihre Idee gesprochen.

Ihr kommt gerade von eurem ersten Taschen-Workshop aus Lesbos zurück. Wie war es?

Floor: Wir waren im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos und haben dort einen Workshop geleitet, in dem Flüchtlinge aus dem Gummi von Schlauchbooten Taschen herstellen. Dazu haben wir Ehrenamtliche gefragt, ob sie mitmachen wollen und ihnen gezeigt, wie es geht. Dann haben wir auch Flüchtlinge angesprochen, ob sie Lust haben, Taschen zu nähen. Hatten sie!

Didi: Eigentlich wollten wir es nur einmal ausprobieren. Wir hätten nie gedacht, dass es so ein großer Erfolg wird. In einer Woche haben wir zusammen mit den Flüchtlingen cirka 130 Taschen genäht.

Fotostrecke: So entstehen die Rucksäcke

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Wie seid ihr auf die Idee gekommen, aus Booten und Schwimmwesten Taschen zu machen?

Floor: Ich kam im Januar zum ersten Mal nach Lesbos und half vor allem Flüchtlingen aus ihren Booten an Land. Das war eine großartige Arbeit. Aber ich wollte etwas tun, bei dem ich meine Qualifikationen einbringen kann.

Bei der Arbeit an der Küste bemerkte ich zwei Dinge: Viele Flüchtlinge brauchen dringend Taschen, weil sie ihr Gepäck auf dem Weg verloren haben oder sie es auf See über Bord werfen mussten. Gleichzeitig gibt es diese riesige Menge an robustem Material, das man für Taschen nutzen kann. Also habe ich meine Freundin Didi kontaktiert.

Lesbos: Hotspot der Flüchtlingskrise

Die griechische Insel Lesbos ist immer noch der Ort, an dem die meisten Flüchtlinge zum ersten Mal europäischen Boden betreten. Rund eine halbe Million Menschen waren es im vergangenen Jahr, oft mehrere tausend pro Tag.

Der Grund: Im Norden trennen die Insel nur rund acht Kilometer vom türkischen Festland. Seitdem die Balkanroute für die Flüchtlinge geschlossen wurde und Frontex und die griechische Küstenwache immer mehr Boote auf offenem Meer abfangen, hat sich die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge zwar verringert.

Es warten aber immer noch Tausende in den Lagern der Insel auf die Weiterfahrt. Betreut und versorgt werden sie vor allem durch private Hilfsorganisationen und Ehrenamtliche aus aller Welt. Auch Floor kam als Freiwillige nach Lesbos.

Didi: Floor rief mich an und sagte: Lass uns Taschen machen. Sie kam mit 20 Kilo Gummimaterial von Rettungswesten und Schlauchbooten nach Holland und wir ließen uns ein Design einfallen. Jetzt wollen wir nichts anderes mehr machen.

So entsteht ein Lesbos-Rucksack

An der Nordküste liegen tausende Schwimmwesten und Schlauchboote. Floor und Didi sammeln das Material dort ein und bringen es in das Flüchtlingslager Moria im Zentrum der Insel. Der Rucksack soll vor allem kostengünstig, ohne Strom und für jedermann herzustellen sein.

Er besteht aus einem großen Stück Gummi, das aus einem Schlauchboot herausgeschnitten, in der Mitte gefaltet und mit Nieten zusammengehalten wird. Mit den Schnallen und Gurten der Schwimmwesten lässt sich der Rucksack verschließen und auf dem Rücken tragen.

Die Flüchtlinge basteln ihre Rucksäcke selbst, jeder kann im Anschluss seinen behalten. Schere, Lochzange und Nietpistole sind neben der Anleitung durch Freiwillige das einzige, was sie dafür brauchen. Die Kosten für die Herstellung eines Rucksacks liegen bei rund drei Euro. Nach einer Stunde ist der Rucksack fertig und sieht so aus:

Was wollt ihr mit dem Projekt erreichen?

Didi: Die Flüchtlinge haben durch ihre Flucht ihren Job oder ihren Studienplatz verloren. Plötzlich gelten sie als Illegale, schlafen im Dreck und haben nichts zu tun. Wir wollten eine Plattform schaffen, auf der Menschen miteinander interagieren und sich unabhängig fühlen können, indem sie gemeinsam etwas herstellen. Unser Workshop ist auch eine großartige Gelegenheit, um Menschen durch nonverbale Kommunikation zusammenzubringen.

Floor: Am zweiten Tag unseres Workshops kam zum Beispiel ein Flüchtlingsjunge, der am Vortag seine Tasche gemacht hatte und erklärte es den nächsten Flüchtlingen. Die Grenze zwischen denen, die helfen und jenen, die Hilfe empfangen, verschwand plötzlich. Darum geht es.

Weitere Projekte mit Flucht-Überbleibsel der Insel Lesbos

Floor und Didi sind nicht die einzigen, die bisher auf die Idee kamen, den Müll auf Lesbos in etwas Nützliches zu verwandeln.

Im Oktober begannen die "Dirty Girls of Lesbos" zurückgelassene Kleidung an den Stränden einzusammeln. Heute kümmern sich 20 Freiwillige darum, dass die Kleidung gewaschen wird und anschließend wieder bei den Flüchtlingen landet.

Schlauchboote und Rettungswesten wurden bereits vorher für andere Projekte genutzt. Im Dezember vergangenen Jahres begannen mehr als 100 Freiwillige damit, alte Schlauchboote und Schwimmwesten an den Stränden einzusammeln. Diese schickten sie an eine Initiative, in der arbeitslose Griechen daraus Regenmäntel herstellten. Im Februar hat der chinesische Künstler Ai Weiwei das Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt mit 14.000 Lesbos-Schwimmwesten verschönert.

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Wann gibt es den nächsten Workshop?

Floor: Wir wollen einen dauerhaften Workshop auf Lesbos anbieten. Ich fahre deshalb nächste Woche zurück nach Lesbos und mache die Planungen dafür.

Didi: Ich reise von Athen zurück nach Amsterdam und kümmere mich um die Finanzierung und Veranstaltungen. Nebenbei müssen wir auch noch unser Studium beenden. Eigentlich designe ich Schuhe und liebe diese Arbeit auch. Aber Menschen liebe ich eben noch mehr.

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