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21.02.2017, 15:10 · Aktualisiert: 07.04.2017, 12:14

And so but... Eine Leseliste zum Geburtstag des größten Autors seiner Generation

Wenn du die Film-Biografie "The End of the Tour" (mit Jason Segel in der Hauptrolle) nicht gesehen hast, und wenn du das schmale Buch "Dies ist Wasser" nicht von irgendwem zum Geburtstag geschenkt bekommen hast, dann kennst du David Foster Wallace wahrscheinlich trotzdem aus dem Buchladen.

Er hat nämlich diesen einen, berühmten Roman geschrieben, der im Belletristik-Regal den meisten Platz einnimmt – "Unendlicher Spaß" heißt er. Vielleicht hast du das Buch auch mal angefangen und nach hundert Seiten wieder weggelegt, obwohl du es eigentlich echt gut fandest. Das ist jedenfalls, wie die meisten Menschen mit diesem Autor in Kontakt kommen – wenn überhaupt.

Und das ist okay. Wallace hat es uns ja auch nicht einfach gemacht, Zugang zu seinen Texten zu finden. Seine Bücher sind oft lang, seine Sätze sind länger, seine Themen scheinen auf den ersten Blick oft abwegig. Ein Beispiel: Sein letzter, unvollendeter Roman "Der bleiche König" handelt fast ausschließlich in und von der amerikanischen Steuerbehörde IRS.

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Und doch gibt es genau 55 Jahre nach seiner Geburt und knapp neun Jahre nach seinem Tod immer noch niemanden, der zeitgemäßer ist als Wallace. Wieso? Darum:

Leben heißt süchtig Sein

Bei dem Wort "Sucht" denken viele zuerst an klassische Drogen. Aber natürlich kann man auch nach ganz anderen, alltäglicheren Dingen süchtig sein: nach Unterhaltung zum Beispiel, nach Bestätigung oder danach, immerzu aufs Handy zu gucken.

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Wallace erkannte in der Sucht eine Lebensweise, die typisch für unsere Zeit ist. In "Unendlicher Spaß" (hier auf deutsch und hier im Original) gibt es Drogensüchtige, die endlich clean werden wollen, indem sie sich einer "höheren Macht" hingeben – von der sie dann genauso abhängig sind. Es gibt hochbegabte Tennis-Schüler, die süchtig nach Erfolg sind, und die ihre Körper genauso schinden wie die Alkoholiker in der Entzugsklinik. Eine zentrale Rolle in dem Roman spielt außerdem ein Video, das so unterhaltsam ist, dass der Zuschauer sofort abhängig danach wird und lieber stirbt, als den Fernseher auszuschalten.

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In seiner berühmten Rede "Das hier ist Wasser" (hier in zweisprachiger Ausgabe) erklärt Wallace: "So etwas wie 'nichts anbeten' gibt es nicht. Jeder betet etwas an. Wir haben lediglich die Wahl, was wir anbeten." Heutzutage, wo Religion und Aufklärung gegenübergestellt werden, als wären es Gegensätze, kann dieser Gedanke zum Nachdenken anregen. Was wollen wir anbeten? Wovon wollen wir abhängig sein? Und was sind wir bereit, für unsere Sucht zu opfern?

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Die Wahrheit ist langweilig

Uns stehen heute mehr Informationen zur Verfügung als je zuvor. Nichts scheint mehr wirklich geheim zu sein. Und trotzdem scheint es immer unmöglicher, in diesem Wust aus Informationen die Wahrheit zu finden.

In "Der bleiche König" (hier auf deutsch und hier auf englisch) zeigt uns Wallace am Beispiel der Vorgänge in einer Steuerbehörde: Wer die Wahrheit will, der muss an der Langeweile vorbei; der muss sich höchstpersönlich durch die tausend Seiten Geheimdokumente klicken, die irgendwer bei WikiLeaks hochgeladen hat; der muss Wahlprogramme in Langform studieren; der muss die trockenen, unnötig komplizierten Formulierung aushalten, das Paragraphengewirr, die Zahlensammlungen. Es ist ein Buch über die Macht der Langeweile und die Macht solcher Menschen, die sich der Langeweile stellen, statt nach Aufregung und Befriedigung zu suchen.

Langeweile heißt bei Wallace aber auch, dass man mit sich alleine ist – ohne durch Filme, Musik, Bücher, Handys oder andere Menschen abgelenkt zu werden. So selten, wie wir heutzutage noch in so diese Situation kommen, ist es umso wichtiger zu fragen, was uns eigentlich verloren geht. Was passiert, wenn wir mit uns allein sind? Finden wir uns selbst oder verlieren wir den Verstand?

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Mitgefühl ist alles

In Wallaces Kurzgeschichten-Sammlung "Kurze Interviews mit fiesen Männern" (deutsch und englisch) gibt es eine Story, die aus der Sicht einer depressiven Person geschrieben ist. Der Text ist einer der unangenehmsten und gleichzeitig wohl realistischsten Texte, die es zum Thema Depression überhaupt gibt.

Das Besondere: Wallace, der selbst an dieser Krankheit litt (hier in seiner bislang einzigen Biografie nachzulesen), lässt den Leser die Verzweiflung seines Protagonisten gnadenlos mitfühlen – und tut damit mehr für das Verständnis psychischer Krankheiten als jeder noch so präzise, rein beschreibende Text.

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Dieser Gedanke, dass man sich in andere Lebewesen hineinversetzen muss, um sie zu verstehen, zieht sich durch Wallaces ganzes Werk. In einer anderen Geschichte des Bandes blickt ein Vergewaltigungsopfer ihrem Angreifer voller Mitgefühl in die Augen.

In "Unendlicher Spaß" wartet der Leser genauso ungeduldig auf ein Päckchen Drogen wie der Abhängige im Buch. In "Der blasse König" langweilen wir uns über Strecken genauso sehr wie die beschriebenen Steueragenten. Und in "Am Beispiel des Hummers" (die Sammlung hier und here) versucht Wallace, sich in einen Hummer einzufühlen, der bei lebendigem Leib gekocht wird – um dann nach den ethischen Schlussfolgerungen zu fragen.

Heute, wo sich Menschen mit verschiedenen Ansichten gegenüberstehen wie die ärgsten Feinde, kann Wallaces Werk einen erinnern, wie wichtig es ist, die Welt aus Sicht anderen Menschen (und sogar Tiere) zu sehen.

David Foster Wallace hätte sich das sicher gewünscht. Und wer könnte ihm das – an seinem Geburtstag! – bitte ausschlagen?

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