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Art

Britta Thie macht sich über Berliner Kunst-Hipster lustig

12.10.2015, 17:54 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

Ihre Webserie "Transatlantics" ist pure Nabelschau.

Oberflächlich, aufgesetzt und selbstverliebt: Das ist die kalte Seite der Berliner Kunstszene. Britta Thie, die sich selbst in diesem Kreis bewegt, hält der Hipster-Parallelwelt in ihrer Webserie "Translantics" einen Spiegel vors Gesicht – ein ironisches Portrait von Künstlern, die kurz vor dem Durchbruch stehen. In der ersten Folge werden Badvorleger zu ganz großer Kunst.

Britta Thie

Britta Thie

Bei "Transatlantics" ist die 28-Jährige Regisseurin und Hauptdarstellerin. Als "BB" taumelt sie zwischen Galerieeröffnung, Start-up und Besuch beim Therapeuten. Alles dreht sich um sie und ihre Freundinnen Annie und Yuli, die in ihrer Berlin-Blase leben. Sie suchen ihren Weg und spielen die täglichen Allüren von Künstlern durch. "Translantics" ist eine Mischung aus YouTube und Kunstausstellung. Es geht um Liebe, Erwachsenwerden, Erfolge und Niederlagen. Dabei verschwimmt die Grenze zwischen echt und erfunden.

Britta ist Absolventin der Berliner Universität der Künste, modelt für Marken wie Cos oder Louis Vuitton, mag Schokoriegel, Cola, Flachbildschirme und Kaufhäuser. Wir treffen sie in Neukölln, im Dachrestaurant des Karstadts. Es ist einer ihrer Lieblingsorte in Berlin.

In der Serie heißt du BB. Wer ist das?

BB ist eine überzeichnete Version von mir. Sie ist etwas verträumt, was man auch als zeitgenössisches ADHS bezeichnen könnte. 
Sie hängt in den scheinbar ewig währenden Zwanzigern fest zwischen Realität und Virtualität, Kindsein und Erwachsenwerden, Meme und Portraitfoto.

Annie, Yuli und BB leben in der Berlin-Blase

Annie, Yuli und BB leben in der Berlin-Blase (Bild: Britta Thie)

Bist du das?

Nicht direkt, aber das ist eine Seite von mir.

Ihr springt von Szene zu Szene, folgt deine Serie einem Drehbuch?

Die Gliederung ist gescripted und die Dialoge sind angeschrieben, sie werden durch spontane Improvisationen der Darsteller, mit denen ich befreundet bin, zu einem vollständigen Dialog.
 Sie erfinden in der Serie einen Charakter. Manchmal sprechen wir vorher darüber, aber meistens entwickeln sie ihre Rollen selbst.

Wie bei der Augsburger Puppenkiste, nur dass es auf YouTube stattfindet.
Britta Thie

Deine Webserie läuft nicht einfach nur auf YouTube, sondern wird in einer Kunsthalle gezeigt. Wie schafft man das?


Mich hatte die Schirn Kunsthalle aus Frankfurt gefragt, ob ich eine Ausstellung für ihr digitales Programm machen möchte. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon an einem Konzept für eine Serie gearbeitet. Meine Co­Regisseurin Julia Burlingham und ich hatten die Vision, eine Sitcom zu entwickeln, ein bisschen wie eine futuristische Bravo-Fotolovestory nur als Webserie. Das war unsere Gelegenheit, einen Hybrid aus Kunstwerk und narrativen Kurzfilmen zu verwirklichen. Und jetzt läuft es auf Arte Creative.

Gehört "Translantics" ins Museum?

Man sieht in den Folgen einen Prozess. Translantics selbst befindet sich im Flux. Die Ästhetik der Serie ist ebenso vom Unterhaltungsfernsehen und Reality­TV wie Comicsprechblasen und Instagram-Fotos beeinflusst. Es ist für mich ein Recherche Projekt, dem man zuschauen kann, wie bei der Augsburger Puppenkiste, nur dass es auf YouTube stattfindet und nicht im Theater. Vielleicht gehört das ins Museum, es ist aber auch okay, wenn man es auf dem iPhone im Wartezimmer beim Zahnarzt schaut oder unterm Schreibtisch im Hörsaal.

Du hast als Kind schon gerne Videos gemacht, diese Kindheitserinnerungen werden in der Serie gezeigt. Wie ist es, Privates mit jedem zu teilen?

Es gibt eine Episode, in der ich in meine Heimatstadt gefahren bin. Ich habe sehr mit mir gerungen, diese Episode zu veröffentlichen. Meine Oma, meine Mutter, mein Vater und mein Onkel spielen mit und ich webe von mir gefilmte Videos aus meiner Kindheit ein. Es geht zu einem gewissen Grad um die Reflexion von Selbstnostalgie. 
BBs Sehnsucht nach ihrer analogen Kindheit wächst aus dem Gefühl, hier sicher gewesen zu sein. Diese Kindheit möchte sie aufspüren. 
Ich habe für diese Folge mit Voice-over gearbeitet, um die Protagonisten mit Behutsamkeit zu umgarnen. Man muss aber aufpassen, dass es nicht zu einer Nabelschau wird.

Wie bist du zur Kunst gekommen?

Ich habe als Kind oft Serien nachgestellt und mich dabei selbst gefilmt. Talkshows waren Ende der Neunziger sehr im Kommen und mich hat dieses inszenierte Streiten an Stehtischen in pastellfarbenen Kulissen wie bei “Arabella” auf ProSieben fasziniert. Zuerst habe ich Psychologie studiert. Doch ich habe mich dann an der Kunstakademie beworben. Seit meinem Abschluss an der Universität der Künste in Berlin bin ich freie Künstlerin.

Man muss aber aufpassen, dass es nicht zu einer Nabelschau wird.
Britta Thie

Wie ist das Leben als freie Künstlerin?

Um ehrlich zu sein, nicht viel anders als das Leben der meisten Freelancer: Es ist ein Business, man schreibt viele E-Mails und Bewerbungen. Manchmal bist du Interviewer und dann Filmemacher zugleich. Man macht den nächsten Gig, weiß nie, wie es weitergeht.

Du kommst aus Minden, einer Stadt mit 80.000 Einwohnern. Verstehen deine Freunde von früher, was du in Berlin machst?


Alle, die bisher meine Serie gesehen haben, finden es auf ihre eigene Weise cool und unterhaltsam.
 Es ist wichtig, dass man nicht den Humor verliert. Meine Oma hat jedenfalls oft gelacht.

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