Art

Eine Belgierin fotografiert Fremde direkt nach dem Aufwachen

14.07.2016, 10:07

Das ist Teil eines wunderbaren Kunstprojekts

"Ich war schon immer besessen von Fremden", sagt Barbara Iweins, 40, über sich selbst. Wenn sie auf den Bus wartet oder an der Supermarktkasse in der Schlange steht, bleiben ihre Augen und Gedanken immer wieder bei einer Person hängen. Woran denkt der Typ vor mir wohl gerade? Wovor hat die Frau neben mir Angst? "Manchmal sehe ich eine Person und denke noch drei oder vier Tage später über sie nach", sagt Iweins.

Irgendwann beschloss sie, die für sie so faszinierenden Fremden kennenzulernen – und daraus ein Fotoprojekt zu machen. Sie begann, wahllos Menschen auf der Straße anzusprechen, zeigte Fotos aus ihrem Portfolio – "und überraschenderweise ließen sich viele überzeugen".

Ich war schon immer besessen von Fremden.
Barbara Iweins

Iweins nahm 300 Porträts auf, die meisten in ihrem damaligen Wohnort Amsterdam, einige auch in ihrer Heimatstadt Brüssel. Fremde Menschen, spontan auf der Straße fotografiert – das war der Plan, damals im Jahr 2009. Doch bald stellte Iweins fest, dass ihr das nicht reichte: "Ich wollte nicht nur ein Bild von der Person machen, ich wollte in ihre Intimsphäre eindringen."

Sie nahm noch einmal Kontakt zu 30 Männern und Frauen auf und und überzeugte sie, bei ihrem neuen Projekt mitzumachen: Au coin de ma rue, an der Ecke meiner Straße. In den folgenden vier Jahren traf Iweins die inzwischen nicht mehr ganz so Fremden wieder. Jedes Jahr entwickelte sie eine neue Idee, um ihnen Schritt für Schritt näherzukommen.

Barbara Iweins
Barbara Iweins
Barbara Iweins
Barbara Iweins
Barbara Iweins
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Besonders beeindruckend sind die Fotos aus dem vierten Jahr.

Im Laufe ihres Projekts stellte Iweins fest, dass die Menschen durch Facebook-Posts und Instagram-Selfies immer mehr lernten, sich hinter einer Fassade aus perfekten Fotos und einstudierten Posen zu verstecken. "Das machte mich traurig, schließlich wollte ich mit meinem Projekt zur echten Person vordringen", sagte sie. "Perfektion interessiert mich nicht."

Perfektion interessiert mich nicht.
Barbara Iweins

Deswegen entwickelte Iweins die Idee für die Fotoserie "7AM/7PM", also "Sieben Uhr morgens/sieben Uhr abends". Dafür fotografierte sie ihre Protagonisten zweimal: einmal am Abend und einmal am frühen Morgen, direkt nach dem Aufstehen. "Ich glaube, wenn du gerade aufgewacht bist, bist du noch du selbst, du bist noch verletzlich", sagt sie. "Während des Tages tragen wir alle eine Art Schutzschild."

Das zeigen Iweins Fotos sehr eindrücklich: Mit roten Lippen, Schmuck und perfekter Frisur sehen vor allem die Frauen um 19 Uhr abends ganz anders aus als früh morgens. Sie wirken stark, unnahbar, weniger verletzlich. Iweins Fotos veranschaulichen das, was Soziologen gerne als die Vorder- und Hinterbühne eines Menschen bezeichnen.

Bei einigen Männern sieht man dagegen kaum einen Unterschied; manche schliefen sogar im gleichen T-Shirt.

Im fünften und letzten Jahr wurde Iweins schließlich selbst Teil ihres Projekts.

"Ich lernte sie immer besser kennen", sagt Iweins über ihre Protagonisten. Sie sahen sich nur einmal im Jahr, trotzdem führten sie ernste Gespräche, kamen sich näher. Aus Fremden wurden Freunde.

Iweins beschloss, auch diese Entwicklung in ihrem Projekt aufzugreifen: Die Fotos des fünften Jahres zeigen sie mit dem Rücken zur Kamera – in einer Umarmung mit den einzelnen Protagonisten. Einige der Bilder wirken albern und fröhlich, andere traurig, alle aber vertraut.

In fünf Jahren will Iweins ihre Protagonisten noch einmal fotografieren – zehn Jahre nach dem ersten Kennenlernen.

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