Bild: Jesse Walker

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Marisa wollte Nacktfotos in Ägypten machen. Dann wurde sie festgenommen

09.09.2017, 18:19 · Aktualisiert: 10.09.2017, 13:00

"Für viele Ägypter sind Nacktfotos automatisch Pornos."

Marisa schlüpft in das Pharaonengrab, schaut, ob auch keiner kommt und lässt ihren Umhang von den Schultern gleiten. Sie ist jetzt nackt, von einer auf die andere Sekunde ändert sich Körperspannung. "Es ist der Moment, in dem dein Herz still steht", erzählt Marisa. Dann macht sich ihr Fotograf Jesse an die Arbeit.

Marisa wollte Nacktfotos in Ägypten schießen – für die heimlichen Aufnahmen blieben ihr immer nur wenige Augenblicke.

Im April war sie in Ägypten, jetzt hat sie die Fotos veröffentlicht. Sie war an den Pyramiden von Giza und im Karnak-Tempel in Luxor. Dort wurden sie und ihr Fotograf schließlich verhaftet. Das Risiko war es trotzdem wert, sagt Marisa heute: "Es ging darum, an ein längst vergessenes, liberales Ägypten zu erinnern."

Ihre Erlebnisse und Fotos hat Marisa nun auf ihrem Blog veröffentlicht. Die Bilder machen in ägyptischen Netzwerken die Runde – und haben dort eine neue Debatte über sexuelle Freizügigkeit ausgelöst.

Nackt im Wüstensand – das sind die Bilder, die Marisa aus Ägypten mitgebracht hat:

Jesse Walker
Jesse Walker
Jesse Walker
Jesse Walker
Jesse Walker
Jesse Walker
Jesse Walker
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Jesse Walker
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Marisa Papen ist 25 Jahre alt und kommt aus Belgien. Sie sagt, sie hat schon viele Länder bereist und oft als Aktmodell gearbeitet. Ägypten sei dennoch eine neue Herausforderung gewesen. "Wenn du in ein sehr religiöses Land fährst und selbst nicht gläubig bist, gerätst du schnell an Menschen mit anderen Perspektiven." Das sei eigentlich immer spannend, werde aber "tricky", wenn es um Akt-Fotografie gehe.

Ägypten ist das bevölkerungsreichste arabische Land, die große Mehrheit der Ägypter sind Muslime. Gleichzeitig ist Ägypten ein sehr junges Land – mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist unter 24 Jahren (CIA Factbook). Der Umgang mit Sex ist schwierig: Alle reden darüber, viele haben ihn, aber offiziell geht es erst nach der Ehe. Die Biologin Shereen El Feki sagt, vor allem Männer versuchen Frauen sexuell noch immer zu unterdrücken – als Machtbeweis (bento).

"Es waren tatsächlich nur wenige Frauen auf den Straßen zu sehen", sagt auch Marisa. Mit ihnen in Kontakt zu kommen, sei ihr fast unmöglich gewesen. Stattdessen hätte sie viele Gespräche mit Männern geführt. "Viele sagten mir, dass sich Frauen verschleiern sollen, konnten es dann aber nicht begründen."

Auch mit Aktfotografie konnten nur wenige etwas anfangen:

Für viele Ägypter sind Nacktfotos automatisch Pornos.
Marisa Papen

Die jüngeren Männer seien jedoch aufgeschlossener, unkomplizierter gewesen. Ein Kamelführer habe Marisa und ihren Fotografen an eine abgelegene Düne bei den Pyramiden geführt, nachdem er von dem Vorhaben mit den Aktfotos erfuhr. "Er hat erst gelacht, aber dann war er cool."

In Luxor ging die Fotosession hingegen schief: Marisa zog sich in der berühmten Säulenhalle aus. Nach nur einem Schnappschuss wurden sie und ihr Fotograf erwischt. "Die Polizisten eskortierten uns zu einer Wache, wollten die Fotos sehen, wurden richtig wütend", sagt Marisa. Auf dem Weg zur Wache hatte ihr Fotograf Jesse die Speicherkarte aber gelöscht, später stellte er die Fotos online wieder her.

Junge Ägypter sollten ihre Stimme erheben, kreativ werden, sich ausprobieren – so wird Wandel möglich.
Marisa Papen

Dass sie Verbotenes tun, wenn sie sich in aller Öffentlichkeit ausziehen war beiden bewusst.

In Deutschland ist Nacktheit nur dann strafbar, wenn sich jemand daran stört oder ein Mann seinen Penis in eindeutiger Absicht zeigt.

In einem islamischen Land ist es mit der Nacktheit komplizierter. Selbst Küssen gilt in der Öffentlichkeit als verpönt, die historischen Tempel haben in Ägypten noch dazu einen besonderen Stellenwert.

Marisa war das erst mal egal. "Ich wollte ein Zeichen für das Alte Ägypten setzen", sagt Marisa. "Es gab eine Zeit, in der Frauen und Männer gleichberechtigt waren, ich wollte mit starken Bildern daran erinnern."

Marisa meint damit die orientalischen Fantasiegemälde, die es von Kleopatra und anderen Pharaonenszenen gibt.

Penisgötter und Dessous-Shops – Wie Ägypten Sexualität in der Öffentlichkeit zeigt:

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Tatsächlich muss man aber gar nicht so weit zurückschauen, um ein offeneres Ägypten zu finden. Auch Anfang des 20. Jahrhunderts waren viele Frauen unverschleiert. Noch heute gibt es im Herzen von Kairo das Geschäft "Lehnert & Landrock", in dem erotische Reisefotografien aus dem Nahen Osten dieser Zeit verkauft werden.

Und auch die Wissenschaftlerin El Feki sagt, dass Muslime über das, was heute auf PornHub oder in "50 Shades of Grey" zu finden ist, nur lachen können. Vieles sei ihnen aus erotischer Literatur arabischer Gelehrter schon längst bekannt.

Dass sich die Offenheit gewandelt hat, liegt am Erstarken islamistischer Gruppen, die die Gesellschaft zu mehr Tugendhaftigkeit zwingen wollen.

Und es liegt an der Militärdiktatur, die Ägypten seit Jahrzehnten dominiert. Die Generäle bestimmen alle Bereiche des Lebens. Ihre Macht gründet sich darauf, der Gesellschaft strenge Regeln vorzuschreiben (hier erfährst du mehr bei bento).

Im öffentlichen Diskurs geht es daher meistens um Verbote. Vor wenigen Jahren hatte ein russischen Pärchen heimlich einen Porno an den Pyramiden gedreht, sofort schalteten sich mehrere Ministerien ein, die den Film verurteilten.

Für Marisa ging es glücklicher aus: Die Polizei konnte keine Fotos auf der gelöschten Karte finden, ein Haftrichter ließ sie nach einem halben Tag in der Zelle laufen.

Korrektur: In einer ursprünglichen Version hieß es, "nackt durch die Gegend hüpfen" sei in Deutschland strafbar. Das ist so nicht richtig, wir haben es im Text korrigiert. (10.9.2017)


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